Ichu-Gras
Gewinnerin des 30. Deutschen Kurzgeschichten-Wettbewerbs
zum Thema "Fleisch"
Meine Kurzgeschichte über ein Projekt in den Andenländern, die Frage nach westlichen Essgewohnheiten und den Mut, der eigenen Stimme zu folgen, wurde beim Deutschen Kurzgeschichten-Wettbewerb im Juni 2026 mit dem 1. Preis der Jury sowie dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Foto Credit: Michael Rizzo (Projekt Foto)
Ichu-Gras
Lesezeit: ca. 15 min
Ich wusste nicht, wer wen anstarrte. Seine schwarzen, perlenartigen, Augen hatten allen Glanz verloren, waren ausdruckslos, gingen an mir vorbei, gingen ins Leere. Ich spürte keine Wärme mehr, keine Freundlichkeit. Und dennoch. Ich konnte mich nicht von seinem Anblick losreißen. Sein Körper lag ausgestreckt vor mir, nur für mich, haarlos, nackt und golden schimmernd. Ein Gefühl von Faszination stieg in mir auf. Und Schrecken.
„Buen provecho“, sagte Mariela auf Spanisch. Guten Appetit.
Ich schluckte. Spürte, wie mein Magen revoltierte. Ich war mir nicht sicher, ob ich das kleine Wesen vor mir wirklich essen konnte. Mir war schwindelig und übel. Vielleicht war es auch die extreme Höhe oder die Kokablätter, die ich seit Tagen unablässig kaute - gegen die Kopfschmerzen und die Schlaflosigkeit und um schlimmere Formen von Höhenkrankheit, die sie hier soroche nannten, zu verhindern.
Meine Kollegen und ich waren im Dunkel der Nacht in unserem Hotel in Cusco, Peru, aufgewacht und hatten uns schnell fertig gemacht. Mehrere Lagen an Kleidung, Wollmützen und feste Schuhe. In einem klappernden Minivan waren wir stundenlang über Serpentinen und schlingernde Schotterpisten über immer kleiner werdende Dörfer bis in die entlegensten Ausläufer der Anden gefahren, wo in schwindelerregender Höhe endlose Bergketten in den unerbittlich blauen Himmel flossen.
Huarasayco, das winzige Dorf in dem Mariela mit ihrer Familie lebte und Ziel unserer Mission, lag 4.620 Metern über dem Meerespiegel. Es war ein Ort, den es laut Google Maps nicht gab. Ein Ort, den das Wort Einsamkeit nicht mal im Ansatz erfasste. Ein Ort, an dem sich das Gefühl von Realität selbst veränderte.
Mariela räusperte sich. Sie stand hinter dem Tisch, an dem ich und meine Kollegen saßen, beobachtete uns. Ihr Blick dunkel und undurchdringlich. Ich zwang meine Gedanken zurück in die Gegenwart, in den kleinen gedrungenen Raum, dessen winziges Fenster kaum Licht herein ließ. Unsere Gastgeberin trug einen buntgemusterten, weiten Rock, eine einfache Strickjacke und einen schwarzen Hut, der so typisch für diese Region war. Ich hatte Frauen wie sie in Reisemagazinen gesehen. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr die farbenfrohe Kleidung darüber hinweg täuschte, wie hart das Leben hier sein konnte.
Ich sah aus dem Fenster. Mir war immer noch schwindelig. Vor dem Haus lag die endlose Hochebene und dahinter eine weitere Reihe an namenlosen Bergen. Ich fühle mich klein und orientierungslos und erdrückt von der endlosen Weite. Erst jetzt fiel mir das Meer aus Ichu-Gras auf. Das native, schilfartige Gras wuchs in dichten Büscheln auf dem staubigen Boden und war eine der wenigen Pflanzen, die auf dieser Höhe überhaupt überlebten. Ichu-gras hatte sich an die kargen Bedingungen, an das grelle UV-Licht, die Kälte und die Höhe angepasst — im Gegensatz zu mir.
Ich heftete meinen Blick an das Gras, sah, wie der Wind durch die Halme strich. Ein ausgedehntes, bodennahes Wurzelgeflecht hielt die Büschel fest im Boden.
Sekunden vergingen, vielleicht Minuten. Langsam spürte ich, wie die Übelkeit sich legte. Ich konnte wieder tiefer atmen.
Ich richtete meinen Blick erneut auf den schmalen, nackten Körper vor mir. Cuy. Ich griff nach der matten, verbogenen Gabel. Alles in mir sträubte sich. Wieso fiel es mir so schwer das kleine Stückchen Fleisch vor mir zu essen? Ich war schon oft in ähnlichen Situationen gewesen. Hatte keinerlei Probleme gehabt. Aber dieses Mal war etwas anders. Irgendwie konnte ich nicht. Ich blickte auf.
Sowohl Mariela als auch mein Chef, der mir gegenüber saß und bereits angefangen hatte zu essen, sahen mich auffordernd an. Neben Mariela standen ihre fünf Kinder und ihr Mann. Alle regungslos, kein Wort. Dazu mein Kollege Greg und unser Übersetzer Carlos, die ebenfalls am Tisch saßen - jeder ein cuy auf dem Teller. Soviele Menschen in diesem kleinen Raum und trotzdem war es so unheimlich still. Ich spürte den festgetretene Lehmboden trotz meiner Schuhe feucht und kalt unter meinen Füßen.
Die Meerschweinchen, hier cuy genannt, waren kurz zuvor noch mit all den anderen um unsere Beine herumgelaufen. Vorhin, als wir den Stall inspiziert hatten und die Tiere gezählt hatten, 126 Stück. Jetzt lagen sie frittiert auf unseren Tellern. Mariela hatte die Meerschweinchen aus Dankbarkeit für unser Projekt geschlachtet. An Ort und Stelle. Für jeden eins. Ich sah seine Krallen, jede einzelne. Das Mäulchen war weit aufgerissen, wie in einem Schrei festgefroren, die Zähne, klein und spitz, saßen an seinen Rändern. An dem Tierchen war bis auf das Fell wirklich alles noch dran. Es war 10.30 Uhr morgens.
Es ist nur ein Tier, ein Tier wie viele andere, versuchte ich mir selbst zu sagen. Zuhause aß ich doch auch Rind und Huhn. Same, same. Oder etwa nicht?
Hier aßen sie eben Meerschweinchen. Das cuy, auf dem Rücken liegend, schimmernd und knusprig gebraten, die Beinchen in die Höhe gestreckt, erinnerte mich an die Spanferkel meiner bayrischen Heimat, die ich so oft auf Festen gesehen und skrupellos gegessen hatte.
Überhaupt, war ich nicht die längste Zeit meines Lebens ein absoluter Omnivor gewesen? Bei meinen frankophilen und kulinarisch experimentierfreudigen Eltern hatte ich Schnecken probiert und Froschschenkel, Kuddeln, Blutwurst und betrunkene Lüngerl. Es waren ebenfalls seltene Festtagsessen gewesen. Ich hatte nicht alles gemocht, fand vieles geradzu ekelig, aber der Familien-Devise „alles muss zumindest mal probiert werden“ war ich immer widerspruchlos gefolgt.
Später dann, beim Reisen - mit wenig Geld, großem Rucksack und noch größerer Risikofreude - war das Austesten lokaler Gerichte eine Selbstverständlichkeit gewesen. In Thailand hatte es Kakerlaken gegeben (knackig!), in Indonesien frittierte Hühnerfüße (weniger knackig, eher zäh), altes Yak in Nepal (noch zäher). Lecker war es selten. Dafür ein Abenteuer.
Wieso gelang es mir also nicht, das Meerschwein vor mir wenigstens mal zu probieren? Ich verstand mich selbst nicht. Cuy war eine lokale Delikatesse. Ein Festessen. Zudem ein Zeichen von Respekt und Ehre. Und eben eine Geste Marielas Dankbarkeit. Dankbarkeit in fester Form, die jetzt auf dem Teller vor mir lag. Das cuy abzulehnen wäre allein aus kulturellen Gründen geradezu unhöflich gewesen. Ein Affront, den ich mir weder vor Mariela noch vor meinem Chef leisten wollte. Mein Job war mir wichtig. Noch wichtiger war mir nur die Meinung anderer Leute. Wichtiger als meine eigene. Ich war ein Chamäleon, dass sich den äußeren Gegebenheiten anpasste. Und seine eigene Farbe dabei nicht kennt.
Ich hob meine Gabel.
Dann blickte ich zu Greg, meinem amerikanischen Kollegen, der neben mir an dem alten, wackeligen Tisches saß. Unsere Ellebogen berührten sich. Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Dann schob er den Teller mit seinem Stück von Marielas Dankbarkeit mit einem leisen „nah“ in seinem dicken New Jersey Akzent demonstrativ von sich weg. Er sah mich von der Seite aus an.
Ich musste seufzen, dachte daran, wie Greg mir erst vor ein paar Tagen einen zweistündigen Vortrag beim Mittagessen in der Kantine in unserem Headquarter in Washington D.C. gehalten hatte. Einen Vortrag über die ethischen Implikationen unserer westlichen Essgewohnheiten. Über Kühe, eingezwängt in dunklen Ställen, Schweine auf Spaltenböden ohne Stroh und Küken auf endlosen Förderbändern.
Greg war wie ich Entwicklungsökonom, aber in seiner Freizeit ernstzunehmender Yogi, wie er stets betonte. Eigentlich sah er sich selbst als Yogi mit Nebenjob. Ein Vollzeit-Nebenjob als Ökonom bei der Weltbank. Ob ich ahimsa kennen würde, hatte er gefragt, um dann, ohne auf die Antwort zu warten, mit Blick auf meine vietnamesiche Rinderbrühe, los zu dozieren. Über das altindische Prinzip der Gewaltlosigkeit, unsere moralische Pflicht als Menschen anderem Leben keinen Schaden zuzufügen.
So sehr mich Greg manchmal mit seiner moralischen Überlegenheit nervte, so sehr wusste ich, dass er im Grunde Recht hatte. Auch mich hatten Dokumentationen über Tierwohl und Klimawandel in den letzten Jahren dazu gebracht, meinen Fleischkonsum stark zu reduzieren.
Ich sah wieder zu Mariela. Ich musste mich entscheiden, spürte den Druck, der auf mir lastete. So viele unterschiedliche Sichtweisen. Und keine Orientierung. Mein Blick wanderte wieder zum Fenster, zum Ichu-Gras. Der Wind hatte aufgefrischt und Sand und Steine aufgewirbelt. Eine Wand aus Staub hatte das Meer aus Ichu-Gras verschluckt.
Mir fiel mir ein, dass es nicht nur unhöflich gewesen wäre, Marielas cuy abzulehnen, sondern auch verwirrend. Immerhin hatte unser Projekt den Grundstein für Marielas kleine Meerschweinchenzucht gelegt. Ihre Zucht war ein Paradebeispiel wirtschaftlicher Entwicklung. Und der Grund, warum wir überhaupt hier waren.
Unser Projekt hatte Mariela vor anderthalb Jahren für gerade mal 150 Dollar 60 Meerschweinchen zur Verfügung gestellt. Die Meerschweinchen hatte sich vermehrt, so wie kleine Nager es tun. Die Herde war schnell gewachsen auf heute 126 Tiere (abzüglich der vier Meerschweinchen, die nun vor uns lagen). Marielas Familie konnte regelmäßig cuy essen, eine wichtige Quelle von Protein in der sonst so kargen Gegend. Zudem hatte sie bereits über 300 Tiere auf dem Markt im nächsten Dorf verkauft und dabei mehr als 2.000 Dollar verdient, 4 Dollar am Tag. Eines der Kinder ging mittlerweile sogar zu Schule. Und Mariela hatte eine Arbeit, war nicht mehr abhängig von dem unregelmäßigen, Einkommen ihres Mannes, das nicht mal das nötigste abdeckte.
Entwicklungsökonomie war in diesem Fall etwas Grundschulmathematik gemischt mit einfachster Biologie. Und ein bisschen Soziologie. Für mich war es Wirtschaft in seiner ursprünglichsten Form - fernab globaler Lieferketten, Ausbeutung von globalen Konzernen und beißender Wachstumskritik.
Es war jahrtausendealte Intuition, wie man Familien ernährt und überlebt und Wohlstand schafft. Amartya Sen nannte das „Ökonomie für den Menschen“. Er hat dafür den Nobelpreis gewonnen. Man muss keine Volkswirtschaftslehre studieren, um das zu verstehen. In Peru, hier in Huarasayco, war es das selbstverständlichste Prinzip der Welt.
Greg saß immer noch schweigend vor seinem Teller, die Arme vor seiner Brust verschrenkt. Es war klar, dass er nicht essen würde. Ich dachte an die Tiere aus den Dokumentationen, ihr Leid, das Klima.
Aber war das hier nicht etwas anderes? Marielas Meerschweinchen, die frei im Stall herumliefen, ihr Methanausstoß im Vergleich zur Rinderzucht vernachlässigbar, ihre Tod ein kurzes Streicheln übers Fell, ein Schnitt mit dem Messer?
Carlos, unser Übersetzer, der auf der andere Seite neben mir saß, legte mir die Hand auf den Arm und flüsterte: „Come, por favor. Warum isst du denn nicht?“
Ja, warum nicht? Ich konnte es mir selbst nicht erklären. Ich war wie gelähmt.
Gleichzeitig spürte ich Irritation in mir aufsteigen. Ich fragte mich, warum Carlos nur mich ermahnte und nicht Greg. Am liebsten hätte ich aus Trotz erst recht nicht gegessen.
Mein Blick wanderte wieder zu Gabriela, die immer noch regungslos da stand. Sie erwiderte meinen Blick, ausdrucklos, abwartend. Aus dem Projektbericht wusste ich, dass sie 22 Jahre alt war, fast zehn Jahre jünger als ich. Ihr Gesicht war das einer alten Frau, ernst, tiefe Falten liefen über Stirn und Mund. Es war das Gesicht einer Frau, die viel ertragen hat. Mit vierzehn verheiratet, fünf Kinder, drei verstorben. Ihr Mann war ihr Cousin. Der, der neben ihr stand. Wortlos. Abwesend. Er war da — und irgendwie auch nicht.
Ich spürte, dass es für mich viel mehr als Höflichkeit war, das cuy zu essen. Es war eine Anerkennung und Wertschätzung für menschliche Resilienz, für Entwicklung unter einfachsten Umständen. Ein Zeichen an Solidarität für eine andere Frau, die ihr Schicksal in die Hand nahm und eine ganze Familie ernährte. Ich spürte Tränen in mir aufsteigen. Vielleicht war es der Rauch der kleinen Feuerstelle, der mir in die Augen stach.
Ich gab mir einen Ruck. Ich nahm einen tiefen Atemzug und die Gabel und all meinen Mut zusammen und stach in den kleinen Körper. Die frittierte Haut erzeugte kurz Spannung, Gegendruck, bevor die Zacken meiner stumpfen Gabel ins Fleisch sanken. Eine Welle an Traurigkeit und Überwältigung überkam mich. Tränen liefen meine Wangen runter.
Mit einem Schlag wusste ich, warum es mir so schwer fiel. Ich dachte an Micky.
Micky war mein erstes richtiges Haustier gewesen, ein weiß-braunes Meerschwein mit wilder Mähne. Jetzt machte alles Sinn. Wie konnte ich etwas essen, was früher in meinem Arm gekuschelt hatte? Ein kleines Wesen, das für mich da war, während ich nachmittags alleine vor dem Fernseher saß, während meine Mutter in der Arbeit war, weil der Job meines Vaters nicht genug einbrachte, um unsere kleine Familie über Wasser zu halten.
Natürlich wollte ich kein Meerschwein essen. Ich schob den Teller von mir weg.
Doch gerade als ich dankend ablehnen wollte, kamen alle Zweifel zurück. Sollte ich meinem emotionalen Impuls wirklich folgen? Was war wichtiger? Meine Gefühle für ein altes Haustier oder der Respekt kultureller Gegebenheiten? Die Tatsache, dass die Meerschweinchen Ausdruck von Marielas Überleben waren? Das Drängen von Carlos und meinem Chef, den ich nicht verärgern wollte. Gregs Verachtung. Die Ethik. Aber welche Ethik? Was stand höher, das Tierwohl oder das Überleben von Menschen? Auch heute noch sind viele Menschen auf Tiere angewiesen, das sah ich jeden Tag in meiner Arbeit. Subsistenzwirtschaft, Kleinbauern. Und auch der Konsum ist wichtig. Ich sah Marielas Kinder, erinnerte mich an die Zahlen von Mangelernährung in den Anden, eine Studie, dass Meerschweinchen mit ihrem hohen Proteingehalt Leben retten.
Globale Lieferketten, Massenhaltung, Gewinne, die nur an wenige einzelne gehen, all das erscheint natürlich offensichtlich schlecht zu sein, aber wo liegt die Grenze — gerade in Zusammenhängen, die komplexer sind als die vegane Ethik der westlichen Städtegesellschaft es oft wahr haben will.
Mein Kopf schwirrte. Der Wind trug den Staub der Hochebene durch das Fenster, das Ichu-Gras dahinter immer noch verschwunden. Ich wusste es nicht. Ich hatte so viele Fragen und keine Antwort. Diesmal gab es keine Studie, keine gängige Meinung, der ich folgen konnte. Ich wusste nur, dass mir keiner diese Entscheidung abnehmen konnte, dass ich mich diesmal keiner Farbe anpassen konnte. Dass ich für mich selbst denken musste.
Aber ich musste mich entscheiden. Hier und jetzt. Alle sahen mich an. Alle warteten - nur auf mich.
Und auf einmal legte sich der Wind und ein bisschen Sonnenlicht fiel durch das kleine Fenster. Ich sah den klaren, blauen Himmel. Und das Ichu-Gras.
Ich sah Mariela ein letztes Mal an. Es war immer noch still im kühlen Raum. Sie lächelt jetzt, nickte, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
Und ich wusste, was ich tun musste.